Vor ein paar Wochen hatte mein Sohn einen Unfall mit einer grösseren Verletzung. Wir fuhren mit dem Krankenwagen ins Spital und wurden dann nochmals verlegt. Wir blieben fünf Tage im Spital, mein Sohn brauchte fünf Mal eine Vollnarkose für die Operationen und Wundbehandlungen, danach noch mehrere Nachkontrollen.

Das hat das ganze System Familie ziemlich durcheinandergewirbelt und es brauchte und braucht für alle viel Zeit zum Verarbeiten. Dennoch ist es mir wichtig zu teilen, was uns geholfen hat, gut durch diese anstrengende Zeit zu kommen. Denn genau das ist uns gelungen. Wir sind gut durchgekommen. Mein Sohn hat das so gut gemacht und meist gelang es mir auch, zu mir zu schauen.

In der aktuellen Podcastfolge erzähle ich zusammen mit Céline davon, wie es uns als Familie ergangen ist. Was geholfen hat, was immer noch hilft. Ich hoffe, dass das vielleicht auch anderen Familien etwas bringt, die mit ihrem Kind ins Krankenhaus müssen.

Hier im Artikel fasse ich die wichtigsten Punkte nochmal zusammen.

Unterstützung annehmen und ein Netz aufbauen, bevor man es braucht

Etwas vom Wertvollsten in dieser ganzen Zeit war, dass wir Unterstützung hatten. Und dass wir sie auch angenommen haben. Das ist mir nicht immer leicht gefallen, das gebe ich zu. Aber es ging einfach nicht anders.

Wir haben zwei Kinder. Während ich mit dem einen im Spital war, brauchte das Geschwisterkind auch jemanden. Beide Kinder sind anspruchsvoll darin, ihre Betreuungspersonen auszuwählen. Für uns hat es nie funktioniert, die Kinder einfach irgendwo kurz abzugeben. Sie lassen sich nur von Menschen betreuen, die sie gut kennen und denen sie vertrauen.

Zum Glück hatten wir das schon aufgebaut. Meine Mutter, meine Schwiegermutter, die Nachbarin und eine Hüte-Teenie – alles Leute, die er kennt und bei denen er sich sicher fühlt. Das hat uns gerettet.

Ich weiss, dass nicht alle so ein Netz haben. Gerade wenn ein Kind sich schwertut mit Fremdbetreuung, geben manche Eltern irgendwann auf und sind einfach immer selber da. Das war bei uns teilweise auch so.

Aber wenn ich etwas aus dieser Erfahrung mitnehme, dann das: Es lohnt sich, in so ein Netz zu investieren. Nicht für den Alltag unbedingt. Sondern für den Ernstfall. Es muss nicht gross sein. Eine oder zwei Personen, die das Kind schon kennt. Auf die man zurückgreifen kann.

Das Geschwisterkind nicht vergessen

Das geht so schnell unter. Alle Aufmerksamkeit ist beim verletzten Kind – logisch. Aber das Geschwisterkind erlebt auch etwas.

Mein Grosser war dabei beim Unfall. Er hat alles gesehen. Er hat auch erlebt, wie ich im ersten Schreck geschrien habe und er kennt mich so nicht. Als die Wunde erstversorgt war, habe ich mich ihm zugewandt. Er fragte mich, ob sein Bruder sterben muss.

Wenn ich mir dies in Erinnerung rufe, geht es mir wieder sehr nahe.

In dem Moment war mir klar: Dieses Kind braucht mich jetzt auch. Obwohl er nicht der mit der schlimmen Verletzung ist.

Aus der Forschung weiss man, dass Zuschauer von schlimmen Ereignissen ähnlich betroffen sein können wie die direkt Betroffenen. Das gilt auch für Geschwister.

Es kann jederzeit wieder etwas hochkommen und das braucht dann Raum. Alles ist ok, alle Gedanken dürfen gedacht werden und man kann diese Dinge zusammen besprechen, wenn sie da sind. Aber auch Ruhe geben, wenn nicht gesprochen werden möchte. Aber auch nicht davon ausgehen, dass alles okay ist, nur weil das Kind nichts mehr sagt.

In der Akutsituation: Schritt für Schritt

Ich war nicht dabei, als es passiert ist. Ich habe es gehört, aber nicht gesehen.

Das Erste, was ich gemacht habe: Schreien. So fünf Sekunden. Ich bin eigentlich nicht der Typ dafür, aber das ging einfach raus. Und dann kam so ein Funktionsmodus. Krankenwagen rufen. Blutung stoppen. Schauen, was das Geschwisterkind braucht. Sachen packen.

Eins nach dem anderen.

Dieses Runterbrechen hat mir geholfen. Nicht denken: Was passiert jetzt alles, wie schlimm ist es, was kommt morgen. Sondern nur: Was ist jetzt gerade der nächste Schritt.

Das kenne ich aus meiner Arbeit mit Eltern. Wenn grosse Gefühle da sind, wenn Überforderung da ist – dann hilft es, in kleine Schritte aufzuteilen. Im Spital war ich froh, dass ich das irgendwie abrufen konnte.

Ich will aber auch sagen: Wenn das bei dir anders läuft, ist das völlig okay. Manche weinen. Manche erstarren. Da gibt es kein Richtig oder Falsch.

Akzeptanz: Es ist jetzt so

Das klingt vielleicht komisch. Mein Kind liegt im Spital, muss operiert werden und ich soll das akzeptieren?

Ich meine dies nicht im Sinne von gut finden. Sondern im Sinne von: Es ist passiert, jetzt ist es halt so. Mir sind natürlich auch die Gedanken gekommen. Wäre ich dort gewesen, ob ich es wohl hätte verhindern können. Hätte, wäre, wenn.

Diese Gedanken sind normal. Die dürfen da sein. Aber solange ich dort hängenbleibe, drehe ich mich im Kreis. Ich komme nicht ins Handeln.

Im Spital habe ich andere Eltern erlebt, die noch ganz fest in diesem «es darf nicht sein» steckten. Das ist verständlich. Und gleichzeitig sieht man, wie viel Energie das kostet.

Der Moment, in dem ich sagen konnte «Okay, jetzt ist es so, jetzt schauen wir, was wir damit machen» – das war der Moment, in dem ich wieder Kapazität hatte für meinen Sohn.

Das Erstaunliche: Er hat das auch schnell geschafft. Mit dreieinhalb. Er fand es blöd im Spital. Langweilig. Aber er hat nicht dagegen angekämpft. Er war einfach da, weil es halt so war. Und konnte in Gedanken seine Wut ausleben; auf das Gerät, das ihn verletzt hat. Er hat sich überlegt, was er dem alles antun würde. Das war sein Weg.

Vertrauen in die Fachleute

Ich bin keine Ärztin. Ich hatte keine Ahnung, wie schlimm die Verletzung wirklich war. Am Anfang wusste ich nicht mal, ob ich mich nur so erschrocken habe oder ob es wirklich so heftig ist.

Was mir geholfen hat: Abgeben. Die Ärzte wissen, was zu tun ist. Das muss ich nicht auch noch wissen.

Das hat Kapazität freigemacht. Ich konnte mich auf das konzentrieren, was meine Aufgabe war: Bei meinem Kind sein. Schauen, was er braucht.

Wenn dir Vertrauen schwerfällt – das verstehe ich. Gerade wenn du schlechte Erfahrungen gemacht hast. Dann frag nach. Lass dir erklären, was passiert. Das ist dein Recht. Und es kann auch Sicherheit geben.

Bindung im Spital

Was mich überrascht hat: Wie sehr Kinderspitäler heute auf Bindung ausgerichtet sind.

Ich konnte bei meinem Sohn im Bett liegen. Tag und Nacht. Es gab ein Bett für mich direkt daneben. Bei der Narkose durfte ich dabei sein, bis er eingeschlafen ist. Er war nie alleine, wenn er wach war.

Nach dem ersten Mal haben wir abgemacht: Sobald er anfängt aufzuwachen nach der Operation, liege ich schon bei ihm. Damit er nicht erst aufwacht, mich sucht, Panik bekommt sondern gleich spürt, ich bin da.

Falls das bei euch nicht geht aus irgendeinem Grund: Überleg, was sonst Verbindung schaffen kann. Ein Kuscheltier, das mitdarf. Ein T-Shirt, das nach dir riecht.

Eines der wichtigsten Dinge, wenn es darum geht, Traumata zu vermeiden: Das Kind darf sich nicht allein fühlen.

Übergänge gestalten

Spitalaufenthalte sind voller Übergänge. Vom Wartezimmer zur Untersuchung. Von der Station in den OP. Vom Aufwachraum zurück ins Zimmer.

Für bedürfnisstarke Kinder sind Übergänge oft sowieso schon ein Thema.

Was mir geholfen hat: Den Fokus nicht auf die Trennung legen, sondern auf das Danach. Nicht «Jetzt gehst du in den OP und ich kann nicht mit», sondern «Wenn du aufwachst, bin ich wieder da. Dann schauen wir zusammen ein Buch an.»

Immer wieder diese Brücke bauen. Was kommt nachher. Wie geht es weiter.

Wenn es Veränderungen gibt, braucht es vielleicht Raum, um sich erst auf die neue Tatsache einzustellen. Wir haben das im Positiven erlebt. Weil seine Wundheilung so gut war, brauchte es keine Hauttransplantation. Wir hatten uns schon darauf eingestellt und dachten, wir würden nochmals fünf Tage bleiben. Dann doch nicht. Er hat sich nicht gefreut. Er war völlig durch den Wind.

Auch gute Überraschungen können stressen. Gerade bei Kindern, die klare Abläufe brauchen. Das darf Raum haben und man kann gemeinsam schauen, was es braucht, damit man trotzdem gut gehen kann. Bei uns war es, dass es noch ganz vielen Ärzten sein T-Shirt zeigen wollte und fragen, welches ihr Lieblingstier ist 🙂

Wie viel Information braucht das Kind?

Das ist komplett unterschiedlich. Manche Kinder brauchen jedes Detail. Was passiert wann, in welcher Reihenfolge.

Andere haut das komplett raus. Die wollen einfach wissen: Du bist da, alles wird gut.

Du kennst dein Kind am besten und spürst, was passt.

Mein Sohn wollte irgendwann die Fotos der Verletzung sehen. Diese wurden im Krankenhaus aufgenommen am Anfang und nach jeder OP und Behandlung. Besonders die ersten sind ziemlich krass. Er wollte sie schauen, also haben wir sie gemeinsam geschaut und das war für ihn genau das Richtige.

Ich glaube, das hat ihm geholfen einzuordnen. Er hat seinen Fuss während der ganzen Heilung ja nie gesehen, weil immer ein Verband drauf war.

Kleine Entscheidungen lassen

Im Spital ist so vieles fremdbestimmt. Da ist es umso wichtiger, dem Kind wenigstens kleine Entscheidungen zu lassen.

Wer nimmt das Pflaster ab: Ich oder die Pflegerin? Im Bett essen oder am Tisch? Welcher Film?

Das mag nach Kleinigkeiten klingen, doch es sind Entscheidungen und geben dem Kind etwas Selbstbestimmung und Kontrolle zurück.

Wenn dein Kind nicht selber sagen kann «Das will ich nicht» oder «Das tut weh» – dann sag du es für ihn. Du bist in dem Moment seine Stimme.

Langeweile und Medien

Spital ist langweilig. Da gibt es nichts zu beschönigen.

Lange Wartezeiten vor OPs. Lange Aufwachzeiten danach. Stunden, in denen nichts passiert. Für meinen Sohn war das fast das Schwierigste, das viele Warten und im Spitalbett liegen.

Wir hatten unbegrenzte Medienzeit an den Spitaltagen. Das fand mein Sohn eine hervorragende Abmachung und das war für ihn ein Grund sich doch ein bisschen auf diese Tage zu freuen oder sie zumindest weniger unangenehm zu finden.

Das war kein Verwöhnen. Das war: Die Situation irgendwie durchstehen. Und ihm etwas geben, das Spass macht, wenn sonst gerade nichts Spass macht.

Ich sehe das unter dem Aspekt der Grundbedürfnisse. Klaus Grawe hat vier beschrieben, eines davon ist Lustgewinn und Unlustvermeidung. Das ist ein echtes Bedürfnis. Gerade wenn so vieles schwer ist, darf auch etwas leicht sein.

Was ist mit mir?

Die eigenen Bedürfnisse und Nöte können untergehen, weil wir sehr auf das kranke oder verletzte Kind fokussiert sind.

Mein Sohn wollte nicht, dass jemand anderes bei ihm schläft. So blieb ich fünf Tage im Krankenhaus. Den ersten Schreck vom Unfall, von der schlimmen Verletzung hatte ich noch nicht verdaut und durch meine Hochsensibilität ist die Krankenhausumgebung nicht unbedingt optimal für mich.

Ich versuchte mir und meinen Gefühlen immer wieder Raum zu geben. Zum Beispiel abends, wenn mein Sohn geschlafen hat oder auch auf einem Spaziergang mit dem Sohn im Rollstuhl.

Ich bin immer noch am Verarbeiten. Höre ich jemanden schreien bin ich sofort in Alarmbereitschaft. Manchmal vergesse ich im Alltag, das überhaupt etwas war und dann ist es wieder präsent. Das darf so sein und es ist wichtig, für sich auch hinzuschauen und das Thema zu verarbeiten.

Was ich anderen Eltern sagen möchte: Vergesst euch selber nicht. Eure Gefühle sind auch da. Eure Angst, eure Erschöpfung. Das braucht auch Raum.

Nicht erst wenn das Kind wieder gesund ist. Sondern jetzt schon. Und auch später noch, wenn alle denken, es sei ja alles wieder gut.

Zum Thema Trauma

Viele Eltern haben Angst, dass so ein Erlebnis ein Trauma hinterlässt. Peter Levine, der viel zu Schocktrauma geforscht hat, beschreibt drei Bedingungen, die zusammenkommen müssen:

  • Eine überwältigende Bedrohung.
  • Die Unfähigkeit, die Stressreaktion vollständig zu verarbeiten, wenn zum Beispiel der Körper fliehen wollte, aber nicht konnte.
  • Das Gefühl, allein zu sein.

Das heisst: Wir können vorbeugen. Indem wir da sind. Indem wir Verbindung halten. Indem wir dem Kind erlauben, die Gefühle durchzuleben.

Und selbst wenn etwas sitzenbleib: Das lässt sich aufarbeiten. Mit Zeit. Manchmal mit professioneller Hilfe. Es gibt kein Ablaufdatum für Verarbeitung. Manchmal kommt Jahre später nochmal was. Kurzes Gespräch, dann ist es wieder gut.

Wenn du mit uns über eure Herausforderungen in der Verarbeitung eines Unfalls oder einer Krankheit sprechen möchtest, kannst du uns erreichen unter: post@celineschaub.ch oder goni@mamaleicht.ch.

Was ich mitnehme

Spitalaufenthalte mit Kindern können sehr anstrengend sein. Mit bedürfnisstarken Kindern nochmal mehr.

Ein paar Dinge, die mir geholfen haben:

  • Ein Netz aufbauen, bevor man es braucht.
  • Hilfe annehmen.
  • In die Akzeptanz kommen
  • Verbindung halten, physisch oder symbolisch.
  • Informationen geben, wie das Kind sie braucht.
  • Kleine Entscheidungen ermöglichen.
  • Brücken bauen über die Übergänge.
  • Das Geschwisterkind nicht vergessen.
  • Und sich selber nicht vergessen.

Ich hoffe, das hilft vielleicht der einen oder anderen Familie, die gerade in einer ähnlichen Situation steckt.