Marie-Lou ist drei Jahre alt. Sie ist verbal stark, weiss genau, was sie will und was sie nicht will. Und sie hat regelmässig massive Wutanfälle – täglich, manchmal zwei- bis dreimal, jeder Anfall dauert 20 bis 60 Minuten. Sie schreit so laut, dass es ihrer Mutter Jenna in den Ohren wehtut. Manchmal fühlt es sich für Jenna sogar an, als würde es ihr im Herzen schmerzen.
Wenn andere Eltern sagen „Das ist normal, das haben alle Kinder im Trotzalter“, fühlt sich Jenna noch unverstandener. Sie sieht doch, dass bei anderen Kindern so ein Anfall nur 5 bis 10 Minuten geht – und nicht in dieser Heftigkeit und Häufigkeit.
Das Verrückte dabei: Überall ausserhalb – in der Spielgruppe, Kita, bei den Grosseltern – ist Marie-Lou ein sanftes, angepasstes, ruhiges Kind. Doch kaum ist sie mit Jenna alleine, geht es los.
Kommt dir das bekannt vor?
Hier kannst du dir die Podcastfolge dazu anhören:
Ist das noch normal?
Diese Frage stellen sich viele Eltern von bedürfnisstarken Kindern. „Ist das normal?“ – oft verbunden mit der heimlichen Sorge: „Mache ich etwas falsch?“
Die Antwort ist: Nein und Ja. Es kommt darauf an.
Nein, es ist nicht „normal“ im Sinne von: Das haben alle Kinder so. Die Dauer (20-60 Minuten), die Häufigkeit (täglich, mehrmals) und die Intensität sind aussergewöhnlich.
Aber Ja, es ist „normal“ für gefühlsstarke, hochsensible, neurodivergente Kinder (ADHS, Autismus-Spektrum). Für diese Kinder ist der Umgang mit Wut besonders schwierig. Sie brauchen länger, um zu lernen, wie man Gefühle reguliert – ähnlich wie andere Kinder länger brauchen zum Laufen lernen, Schreiben lernen oder Sprechen lernen.
Wichtig zu verstehen: Es liegt nicht an dir als Elternteil. Die Schwierigkeit liegt in der Überforderung des Kindes mit seinen eigenen Gefühlen.
Was passiert im Gehirn während eines Wutanfalls?
Um zu verstehen, warum dein Kind in diesen Momenten nicht erreichbar ist, hilft ein Blick ins Gehirn. Vereinfacht gesagt gibt es drei Hauptbereiche, die zusammenspielen:
Das Grosshirn ist zuständig für logisches Denken, Sprache, Kommunikation, Planung. Hier sitzt auch der präfrontale Kortex mit der Impulskontrolle.
Das Mittelhirn (limbisches System) speichert Gefühle und Erlebnisse. Hier sitzt die Amygdala – unsere Alarmzentrale.
Das Reptilienhirn steuert Reflexe und Hormone.
Die Falltür geht zu
Wenn Marie-Lou in die Wut kommt, passiert Folgendes: Die Amygdala liefert einen Alarm: „Gefährliche Situation!“ Das Hirn kommt zum Entschluss: „Ja, das ist wirklich gefährlich, wir müssen sofort handeln!“
Das Grosshirn wird zu einem Grossteil abgeschaltet, das Reptilienhirn übernimmt. Hormone werden ausgeschüttet für Kampf, Flucht oder Erstarren. Die Kommunikation zwischen dem präfrontalen Kortex (der sagen könnte „jetzt nimm dich zusammen“) und dem Rest ist unterbrochen.
Die Falltür ist zu.
Darum kommen Eltern nicht mehr ans Kind ran. Es ist nicht zugänglich für Worte, für Vernunft, für Erklärungen. Hirn- und körpertechnisch funktioniert genau das nicht mehr.
Das Kind ist nicht böswillig. Es hat keinen „Dämon“ in sich (auch wenn sich das manchmal so anfühlt). Es ist ein neurobiologischer Prozess, der abläuft.
Die verschiedenen Phasen einer Wut-Eskalation
Die Psychologin Kayleigh Breakwell hat ein hilfreiches Kurvenmodell entwickelt mit verschiedenen Phasen:
1. Auslösephase
Die Kurve steigt leicht an. Etwas triggert das Kind. Das kann eine Überreizung sein, Hunger, Müdigkeit, ein Übergang, ein „Nein“, eine Überforderung.
Hier hast du als Elternteil noch Möglichkeiten. Wenn du dein Kind gut spürst (und die meisten Eltern gefühlsstarker Kinder tun das), merkst du: „Jetzt steigt es.“ Hier kannst du noch intervenieren – durch Körperkontakt, Situationsveränderung, das Kind aus dem Reiz rausholen.
2. Eskalationsphase
Die Kurve steigt steil an. Die Wut baut sich auf, das Kind wird lauter, angespannter.
Auch hier kannst du manchmal noch etwas tun. Bei manchen Kindern helfen Embodiment-Übungen (körperliche Entladung), tiefes Atmen funktioniert hier meist nicht mehr. Manche Kinder erreicht man noch über die Sinnesorgane: Düfte, Töne, Berührung, haptische Reize (etwas kneten, in ein Kissen boxen).
3. Krise (der Peak)
Die Kurve ist am höchsten Punkt. Das Kind schreit, tobt, schlägt vielleicht, wirft Dinge, beisst, kratzt.
Hier kannst du nichts mehr machen ausser:
- Schauen, dass keine Fremdverletzung stattfindet
- Schauen, dass keine Selbstverletzung stattfindet
- Den Raum halten
- Da sein (wenn du kannst)
4. Erholungsphase
Die Kurve geht langsam runter. Das Kind beruhigt sich allmählich.
Achtung: Diese Phase ist heikel. Wenn du jetzt schon anfängst zu reflektieren („Warum hast du das gemacht?“), zu fordern („Jetzt musst du aber Hände waschen“) oder zu belehren, kann das Kind wieder in die Krise zurückfallen.
5. Depressionsphase / Entlastung
Die Kurve geht weiter runter. Manchmal kommen jetzt Schuldgefühle, Scham, Trauer. Das Kind weint vielleicht. Der Körper vibriert, man sieht richtig, wie sich das System entspannt.
Jetzt ist die Falltür wieder offen. Jetzt ist Beziehung wieder möglich. Jetzt kannst du dein Kind in den Arm nehmen (wenn es das möchte). Jetzt kann man auch vorsichtig reflektieren.
Was du während des Wutanfalls tun kannst (und was nicht)
Was NICHT funktioniert:
- Mit dem Kind reden, es zur Vernunft bringen wollen
- Erklären, warum sein Verhalten falsch ist
- Ablenken versuchen
- Drohen oder bestrafen
- Laut werden (das vergrössert die Gefahr für das Kind)
Was helfen kann:
Deine Körperhaltung:
- Geh tiefer runter als das Kind (nicht darüber stehen)
- Lehne dich leicht zurück statt nach vorne (weniger bedrohlich)
- Halte Abstand – manche Kinder brauchen 1-2 Meter Distanz
Deine Stimme (falls du sprichst):
- Ruhig, tief, leise
- Kein hoher Tonfall
- Kurze Sätze oder nur Präsenz ohne Worte
Raumhalter sein: Du bist einfach da. Du hältst das Gefäss. Du bist Zeuge des Prozesses. Du musst nichts machen, nichts lösen, nichts reparieren.
Für dich selbst sorgen:
- Noise-Cancelling-Kopfhörer sind erlaubt (auch bei Schreibabys empfohlen)
- Du darfst nebenbei etwas lesen, hören, tun
- Du musst nicht zu 100% mit allen Sinnen auf das Kind fokussiert sein bei 45 Minuten Gebrüll
- Du darfst dich entfernen, wenn du merkst, du kommst selbst in die Wut
Wichtig: Wenn du merkst, du kommst selbst an deine Grenze und riskierst Gegengewalt (Schreien, zu fest zupacken, schütteln), dann ist es besser, dich zu entfernen – auch wenn das einen Beziehungsabbruch bedeutet – als Gewalt anzuwenden.
Warum passiert das nur bei mir zu Hause?
Viele Eltern berichten: Überall ist das Kind angepasst, ruhig, freundlich. Nur zu Hause eskaliert es.
Das ist kein Zufall. Es ist sogar ein Kompliment.
Marie-Lou leistet in der Kita, Spielgruppe, bei den Grosseltern eine enorme Anpassungsleistung. Sie hält sich zusammen. Das kostet Konzentration, Selbstkontrolle, Energie.
Wenn sie nach Hause kommt – zu Jenna, ihrer Mutter – fühlt sie sich endlich sicher. Endlich kann sie loslassen. Endlich kann die Anspannung raus.
Dass sie das nur bei dir macht, bedeutet:
- Du bist ihr sicherer Hafen
- Sie weiss, dass du sie liebst, auch wenn sie ausrastet
- Bei dir darf sie sein, wie sie ist
- Dein Nervensystem ist für sie ein Ort der Entspannung
Das Kind macht das nicht bewusst oder mit Absicht. Aber es ist ein Zeichen von Bindung, nicht von mangelnder Liebe.
Die grössten Hebel: Wo du wirklich etwas verändern kannst
1. In der Auslösephase (vorher!)
Finde die Auslöser heraus:
- Ist es Überreizung? (zu viel Input in Kita/Schule)
- Ist es Unterreizung? (zu wenig Bewegung, zu wenig Autonomie)
- Ist es Hunger? (hat in der Kita nicht gegessen)
- Ist es der Übergang? (vom Spielen zum Essen, von Kita nach Hause)
- Sind es Glaubenssätze? („Das ist unfair!“, „Ich will aber!“)
Verändere, was du verändern kannst:
- Gib dem Kind nach der Kita sofort eine Gurke/Karotte in die Hand (Hunger)
- Lass es auf dem Heimweg trödeln, springen, Steine sammeln (Überreizung abbauen)
- Gib ihm Wahlmöglichkeiten („Welchen Weg gehen wir nach Hause?“ – Autonomie)
- Schaffe Rituale für Übergänge
- Reduziere Reize zu Hause (nicht gleich Geschwister, Radio, Anforderungen)
2. Bei dir selbst
Deine eigene Wut ist ein Riesenthema. Wenn das Thema Wut bei deinem Kind dich innerlich stark berührt, lohnt es sich, dort hinzuschauen:
- Was ist deine eigene Geschichte mit Wut?
- Welche Glaubenssätze hast du über Wut?
- Was triggert dich besonders?
- Wo liegt deine Grenze?
Wenn du selbst ruhig bleiben kannst, kannst du auch dein Kind besser begleiten. Wenn du in die eigene Wut kommst, ist auch bei dir die Falltür zu.
Wichtig: Du darfst dir Unterstützung holen. Ein Coaching kann bei diesem Thema enorm viel bewegen, weil es beide Ebenen anschaut – das Kind und dich.
3. Langfristig: Umgang mit Wut üben
Zu Ruhezeiten (nicht im Affekt!) kannst du mit deinem Kind üben:
- Gefühle benennen: Bücher anschauen über Gefühle, Gefühlskarten nutzen
- Ventile finden: Was hilft deinem Kind? In ein Kissen boxen? Auf dem Trampolin springen? Laut schreien im Wald? Etwas kneten?
- Notfallkitz erstellen: Zusammen Ideen sammeln und ausprobieren
- Embodiment-Übungen: Körperliche Wege, die Wut rauszulassen (keine Atemübungen – die sind bei Wut zu wenig)
- Innere Distanz schaffen: „Da ist gerade Wut“ statt „Ich bin wütend“
Wichtig: Das geht nicht von heute auf morgen. Gefühlsstarke Kinder brauchen länger, um den Umgang mit Wut zu lernen.
Die Botschaft hinter der Wut
Wut hat immer eine Botschaft: „Das ist falsch!“
Wenn dein Kind wütend wird, sagt es (unbewusst): „Das, was gerade passiert, fühlt sich für mich falsch an. Das überschreitet meine Grenze. Das ist zu viel. Das will ich nicht.“
Wut ist nicht grundsätzlich schlecht. Wut gibt uns die Energie für:
- Grenzen setzen
- Veränderung herbeiführen
- Für uns einstehen
- Ungerechtigkeiten anprangern
Wenn wir Kindern die Wut „abtrainieren“, nehmen wir ihnen diese wichtige Kraft. Sie können dann nicht mehr sagen „Das ist falsch!“ – weder in Worten noch in Handlung.
Das Ziel ist nicht, dass Kinder keine Wut mehr haben. Das Ziel ist, dass sie lernen, Wut sinnvoll einzusetzen und nicht zerstörerisch.
Wut ist in Ordnung. Gewalt nicht.
Praktische Tipps für den Alltag
Während des Wutanfalls:
Hilfreich ist:
- für Sicherheit sorgen
- den Raum halten (einfach da sein)
- ruhig bleiben und tief atmen (Körperhaltung, Stimme)
- abstand geben, wenn das Kind es braucht
- Noise-Cancelling-Kopfhörer nutzen, wenn es für dich zu laut ist
- dich entfernen, wenn du selbst in Gefahr kommst zu eskalieren
Wenig hilfreich:
- Versuchen das Kind zur Vernunft zu bringen
- Erklären, was falsch war
- drohen und bestrafen
- das Kind festhalten (ausser bei Selbst-/Fremdgefährdung)
Nach dem Wutanfall:
- Warten, bis das Kind wirklich entspannt ist
- Körperkontakt anbieten (wenn das Kind will)
- erst dann vorsichtig reflektieren
- dem Kind sagen: „Ich sehe, du hattest starke Gefühle. Das ist okay.“
Vorbeugend:
- Auslöser finden
- Übungsflächen für Autonomie schaffen
- Reize zu Hause reduzieren
- Für genug Bewegung sorgen
- Auf Hunger, Durst und Müdigkeit achten
- Eigene Trigger anschauen
Buchtipps
Für Kinder ab 5:
- „Wohin mit meiner Wut?“ von Dagmar Geisler (Sachbuch für Kinder)
- „Das kleine Müffelmonster ganz groß“ von Julia Boehme und Franziska Harvey
- „Willi und sein Wüterich“
Wann ist professionelle Hilfe sinnvoll?
Wenn:
- Die Wutanfälle seit Monaten mehrmals täglich vorkommen
- Du als Elternteil selbst an deine Grenzen kommst
- Du merkst, dass auch du oft in die Wut kommst
- Das Familienleben stark belastet ist
- Geschwister oder Eltern verletzt werden
- Du dich hilflos und verzweifelt fühlst
Ein Coaching oder eine Beratung kann hier enorm viel bewegen, weil beide Ebenen angeschaut werden: Das Kind und du als Elternteil. Uns erreichst du über post@celineschaub.ch oder goni@mamaleicht.ch.
Zum Schluss: Du bist nicht allein
Leben mit einem gefühlsstarken Kind kann erschöpfend sein. Wenn Marie-Lou täglich 2-3 Mal für 45 Minuten schreit, sind das bis zu 2 Stunden täglich nur für Wutbegleitung. Das ist keine Kleinigkeit.
Du darfst erschöpft sein. Du darfst überfordert sein. Du darfst dir Pausen nehmen.
Das Wichtigste:
- Es liegt nicht an dir
- Dein Kind ist nicht böse oder kaputt
- Wut ist ein Ventil, das manche Kinder nutzen
- Mit der Zeit wird es besser (wenn du dranbleibst)
- Du musst das nicht alleine schaffen
Wenn dieser Artikel dir geholfen hat, teile ihn mit anderen Eltern, die vielleicht gerade dasselbe durchmachen.
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