Das Wichtigste in Kürze

  • Ein Kind lässt sich nicht zum Essen bringen. Essen gehört zu den Bereichen, in denen Zwang grundsätzlich nicht funktioniert, und Druck verschlimmert die Lage meistens.
  • Hilfreicher ist die Frage, was genau nicht geht: Konsistenz, Geruch, Temperatur oder Aussehen.
  • Beim Buffet-Prinzip entscheiden die Eltern das Angebot, das Kind entscheidet, was davon und wie viel.
  • Sichere Lebensmittel sind nicht das Problem, sondern die Basis, von der aus sich der Essensschatz erweitern kann.
  • Wenn ein Kind nicht mehr wächst, stark abnimmt oder Angst vor dem Essen entwickelt, gehört das ärztlich abgeklärt.

Früher wurden Kinder als «schnäderfrässig» oder «heikel» betitelt, heute sagt man «picky eater» oder vielleicht auch selektive Esserin und wählerischer Esser. Gemeint sind Kinder, die nicht alles essen, was auf den Tisch kommt.

Was damals wirklich nicht ging, ist in der heutigen Überfluss-Zeit eher umständlich und dennoch auch nachvollziehbar, wenn wir uns etwas tiefer mit dem Thema beschäftigen, was wir in dieser Podcastfolge tun.

Hier kannst du dir die Folge anhören:

Beispiel aus dem Leben eines wählerischen Essers

Dion ist vier Jahre alt und mag überhaupt nicht viel essen. Am liebsten isst er Nudeln in allen Formen und Varianten, Toastbrot mit Mayonnaise und Salami, manchmal auch Reis, Brokkoli, Pouletbrust und Äpfel. Das ist ungefähr alles.

Seine Mutter Paula macht sich grosse Sorgen. Um seinen Vitaminhaushalt, um seine Gesundheit, und auch um die Stimmung in der Familie. Ihr Mann Tobias hat das Gefühl, sie koche viel zu viel separat, und drängt Dion regelmässig, etwas anderes zu essen. Dann gibt es Geschrei, einen Konflikt, manchmal ein richtiges Drama. Dazu reden die Schwiegereltern regelmässig drein und sagen Paula, das gehe so nicht weiter, sie müsse dringend etwas machen.

Ganz neu ist dazugekommen, dass Dion ein Riesentheater macht, wenn seine jüngere Schwester Serena Reiswaffeln isst. Sie müsse die wegtun, es stinke zu fest. Und im Kindergarten, in dem er frisch ist, isst er einfach gar nichts.

Paula fühlt sich mit dem Thema ziemlich allein und unverstanden. Sie fragt sich, was sie falsch macht und was sie anders machen sollte oder könnte.

Warum es fast nie nur ums Essen geht

Das Erste, was uns an dieser Geschichte auffällt: Paula hantiert gerade auf sehr vielen Ebenen gleichzeitig. Das kennen wir aus unseren Beratungen, es kommt selten nur ein Thema herein, meistens ist ein ganzes System voller Themen.

Bei Paula sind das mindestens fünf:

  • Das Kind selbst, und die Sorge, ob es genug Nährstoffe bekommt.
  • Der Partner, der findet, sie mache es nicht gut, und der mit dem Kind in Konflikte gerät.
  • Die Schwiegereltern, die von aussen Druck machen.
  • Die kleine Schwester, deren Znüni plötzlich zum Problem wird.
  • Der Kindergarten, in dem gar nichts mehr geht.

Jede dieser Ebenen für sich allein wäre schon genug. Zusammen ergibt das eine Situation, in der sich Paula ständig um alles parallel kümmert und dabei niemanden hat, der ihr sagt, dass sie nichts falsch macht. Genau deshalb fangen wir nicht bei den Nudeln an, sondern beim Druck.

Wie bringe ich mein Kind zum Essen?

Die ehrliche Antwort lautet: gar nicht. Jedenfalls nicht direkt, und schon gar nicht mit Druck. Essen gehört zu den wenigen Bereichen, in denen Zwang grundsätzlich nicht greift, und je fester wir daran ziehen, desto weniger geht.

Wir wissen, dass das im ersten Moment keine befriedigende Antwort ist. Genau diese Frage stellen sich Eltern nämlich abends am Handy, und genau sie steckt auch hinter Paulas Sorge. Brauchbar wird sie erst, wenn wir sie umdrehen. Nicht «wie bringe ich mein Kind dazu, mehr zu essen», sondern «wie wird unser Tisch ein Ort, an dem mein Kind sich sicher genug fühlt, um von selbst mehr zu probieren». Der zweite Weg dauert länger und führt tatsächlich irgendwohin.

Aus der Ausbildung am Adler-Institut ist uns dazu ein Satz geblieben. Es gibt ein paar Bereiche, in denen Zwang schlicht nicht funktioniert:

  • Einschlafen und durchschlafen
  • Essen
  • Lernen
  • Ausscheiden

Ein Kind lässt sich nicht ins Schlafen zwingen. Es lässt sich auch nicht ins Lernen zwingen. Und es lässt sich nicht ins Essen zwingen, jedenfalls nicht, ohne dass wir dafür bezahlen, meistens mit der Stimmung am Tisch und mit dem Vertrauen des Kindes. Alles in diesen Bereichen basiert auf Freiwilligkeit, auf Einverständnis und auf Beziehung.

Bei bedürfnisstarken Kindern kommt etwas dazu. Viele von ihnen gehen unter Druck stark in die Verweigerung, und dann geht gar nichts mehr. Andere sind das Gegenteil, sie passen sich extrem an, weil sie Angst haben, aufzufallen. Beides ist kein gutes Zeichen, auch wenn das zweite von aussen bequemer aussieht. Wie schnell daraus ein Machtkampf wird, haben wir in der Folge Provokation oder Hilferuf ausführlich auseinandergenommen.

Und Druck macht noch etwas, das erst viel später sichtbar wird: Er schürt Ängste rund ums Essen. Angst davor, dass einem etwas nicht guttut. Angst vor Erbrechen. Angst, dass etwas giftig sein könnte, sodass ein Kind nur noch isst, was hundertprozentig sicher ist. Oder Angst, sich zu verschlucken. Das sind typische Ängste, die entstehen können, und sie machen die Sache nicht kleiner, sondern grösser.

Was stattdessen zählt, ist Sicherheit, und zwar dieselbe Sicherheit, über die wir in Sichere Räume für starke Gefühle gesprochen haben. Ein Kind, das sich am Tisch wohl und sicher fühlt, schafft vielleicht irgendwann, eine Bohne in den Mund zu nehmen. Oder daran zu lecken. Oder sie zu zerdrücken, zu vermanschen, mit den Fingern damit zu spielen. Ein Kind, bei dem es am Tisch Geschrei und Konflikt gibt, schafft das nicht.

Wann aus wählerischem Essen eine Essstörung wird

ARFID steht für Avoidant Restrictive Food Intake Disorder, auf Deutsch vermeidend-restriktive Essstörung. Gemeint sind Kinder und Jugendliche, die so wenig essen, dass es körperlich gefährlich wird. Die nicht normal wachsen und nicht zunehmen, die Nahrungsergänzungsmittel brauchen oder im Extremfall eine Magensonde, und bei denen oft ausgeprägte Ängste rund ums Essen dazugehören. Das taucht häufig nicht mit vier Jahren auf, sondern eher im frühen Teenageralter.

Wichtig dabei: Wenn ein Kind so weit ist, seid ihr ziemlich sicher sowieso längst bei einer Ärztin oder einem Arzt, weil es dann wirklich auffällig ist. Für die allermeisten wählerischen Esser ist ARFID nicht die Erklärung.

Trotzdem gilt: Wenn du das Gefühl hast, dein Kind ist unterversorgt, wenn es nicht zunimmt, sehr dünn wirkt oder du dir schlicht Sorgen machst, dann geh damit zur Kinderärztin und lass im Zweifel ein Blutbild machen. Nicht weil wir dir Angst machen wollen, sondern aus dem Gegenteil.

Wir hören nämlich sehr oft, dass Eltern von Picky Eatern genau das gemacht haben und danach gemerkt haben: Dem Kind fehlt gar nichts. Keine Mangelerscheinung, alles im grünen Bereich. Das entlastet enorm, und zwar nicht nur die Eltern selbst, sondern auch das Gespräch mit den Schwiegereltern, mit dem Partner und mit allen anderen, die eine Meinung dazu haben. Und wenn tatsächlich etwas fehlt, zum Beispiel ein Vitamin, dann lässt sich das gezielt ausgleichen.

Was wir nicht empfehlen: auf eigene Faust herumprobieren und einfach mal Nahrungsergänzungsmittel dazugeben. Lieber auf einem Fundament arbeiten, das abgeklärt ist. Bei Erwachsenen ist das schon sinnvoll, bei Kindern noch viel mehr.

Das Buffet-Prinzip

Wenn Druck wegfällt, bleibt die Frage, womit man dann arbeitet. Unsere Antwort darauf ist das Buffet, ein Bild, das ebenfalls aus der Adler-Ausbildung stammt.

Buffet heisst nicht, zwanzig verschiedene Sachen zu kochen. Es heisst, dass zwei oder drei Komponenten getrennt auf dem Tisch stehen, aus denen sich alle bedienen. Zwei Töpfe und ein paar geschnittene Gurken. Oder bei Dion: Nudeln, Brokkoli, Äpfel. Der Rest ergibt sich daraus:

Wir entscheiden das Angebot. Das Kind entscheidet, was davon und wie viel.

Das klingt nach wenig und verändert erstaunlich viel, weil es die Diskussion schlicht überflüssig macht. Es ist geklärt, wer worüber bestimmt, und danach muss niemand mehr verhandeln.

Ein zweiter Punkt gehört dazu: nichts mischen. Ein grosser Eintopf mit verschiedenen Dingen darin ist für viele kleine Kinder schwierig, weil etwas Grünes drin ist, das komisch aussieht, oder weil sich die Sachen nicht mehr auseinanderhalten lassen. Bei neurodivergenten Kindern ist das oft noch ausgeprägter. Manche essen zuerst die Rüebli, dann den Reis, dann das Nächste. Und manche halten es nicht aus, wenn sich die Lebensmittel auf dem Teller überhaupt berühren.

Dafür gibt es einfache Lösungen. Ein Abteilteller für kleinere Kinder. Zwei kleine Teller nebeneinander, wenn ein Abteilteller zu babyhaft wirkt. Und in manchen Familien geht auch das nicht, dann wird der Teller zwischendurch gewechselt oder abgewaschen, weil er sonst nach dem vorherigen Essen riecht. Wir kennen das von zu Hause: Erst die Nudeln, dann Teller weg, dann kamen die Bohnen auf einen anderen Teller. Weil Bohnen, die nach Nudeln riechen, schon eine sensorische Überforderung sind.

Und wenn wirklich einmal gar nichts dabei ist, was geht, darf es eine Alternative geben, die immer funktioniert. Ein Stück Brot oder ein Joghurt zum Beispiel. Dann steht das Kind aber selbst auf und holt es sich. So hat es wenigstens etwas im Magen, und es entsteht kein zweiter Kochauftrag.

Was dabei hilft, ist eine klare Struktur für die Zeit zwischen den Mahlzeiten. Sonst rutscht man leicht in ein Muster, in dem den ganzen Tag über irgendetwas gegessen wird und am Tisch dann gar nichts mehr geht. Bei Dion ist das gerade nicht das Thema, aber es kommt oft in Kombination.

Sichere Lebensmittel schaffen Sicherheit

Schau dir Dions Liste noch einmal an: Nudeln, Toastbrot, Salami, Reis, Brokkoli, Pouletbrust, Äpfel. Ein Getreide, ein Gemüse, ein Obst, ein Protein. Das ist eigentlich fast die ganze Bandbreite, und das ist super.

Wir verstehen manchmal nicht, wie jemand jeden Tag Nudeln, Brokkoli und Äpfel essen kann. Muss man auch nicht. Was man aber machen kann: sie ihm jeden Tag zur Verfügung stellen. Sichere Lebensmittel sind nicht das Problem, das es zu überwinden gilt, sondern der Boden, auf dem alles Weitere wachsen kann. Wenn das Sichere da ist, ist ein Kind viel eher bereit, irgendwann noch etwas Unsicheres daneben zu probieren.

Besonders praktisch sind sichere Lebensmittel, die es überall gibt. Nudeln zum Beispiel. Auch wenn es unterwegs dann trotzdem schiefgehen kann, weil sie im Restaurant anders geformt sind oder Butter daran ist, und schon geht es wieder nicht. Auch das ist völlig normal.

Dazu ist uns eine Szene aus Italien geblieben. Die Kinder haben im Restaurant Nudeln ohne alles bestellt, ohne Tomatensauce, ohne nichts, und wurden dafür schräg angeschaut. Man kann doch nicht Nudeln ohne Sauce essen. Dabei kennen wir kaum ein kleines Kind, das Sauce auf den Nudeln wirklich cool findet. Wenn also die Butter das Problem ist, sag es von Anfang an, bevor der Teller kommt. Und wenn du dafür blöd angeschaut wirst, wirst du halt blöd angeschaut.

Wie oft muss ein Kind ein Lebensmittel sehen, bevor es probiert?

Deutlich öfter, als die meisten von uns denken. Das Netzwerk Gesund ins Leben schreibt, dass ein Kind zwischen acht und zehn, manchmal sogar noch mehr Probierversuche braucht, bis es ein Lebensmittel gerne isst. Und schon das wiederholte Sehen erhöht die Bereitschaft, es überhaupt einmal zu probieren. Bei älteren Kindern liegt die Zahl noch höher.

Dazu kommt: Die Ablehnung von Unbekanntem, die Neophobie, ist zwischen zwei und sechs Jahren am stärksten ausgeprägt und geht bei vielen Kindern mit der Zeit von selbst vorbei. Dion ist mit vier genau mittendrin.

Das ist einer der Gründe, warum uns das Buffet so gut gefällt. Jedes Mal steht das Lebensmittel wieder auf dem Tisch. Das Kind hat Sichtkontakt damit, kann sich über die Augen daran gewöhnen, und sieht ausserdem, dass die Eltern und die Geschwister es essen und dass ihnen nichts passiert. Vielleicht braucht es zwanzig solcher Male, bis der Gedanke kommt, dass ein Schnäferchen davon vielleicht doch geht.

Herausfinden, was genau nicht geht

Wenn ein Kind etwas nicht isst, lohnt sich das genaue Nachfragen. Oft zeigt sich dann ein Muster, das vorher niemand gesehen hat. Manche Kinder lehnen alles Breiige ab. Andere wollen sehr lange nur Brei und nichts Festes. Wieder andere mögen alles roh und nichts Gekochtes, oder umgekehrt.

Grob lassen sich vier Spuren verfolgen:

SpurWas dahinterstecken kannWas sich ausprobieren lässt
KonsistenzBreiiges, Faseriges, Krosses oder Weiches geht nichtDasselbe Lebensmittel anders zubereiten, roh statt gekocht, gestückelt statt püriert
GeruchDer Geruch überlagert alles und macht das Essen unmöglichDistanz schaffen, lüften, das Lebensmittel nicht in der ganzen Packung auf den Tisch stellen
TemperaturKalt geht, warm nicht, oder umgekehrtBewusst beides anbieten und schauen, was besser ankommt
OptikFarbe, Form oder Grösse stimmen nichtBrokkoli als grosse Röschen, klein geschnitten oder untergemischt, Spätzli mit etwas Rüebli im Teig

Wenn klar ist, woran es liegt, entstehen plötzlich viele Möglichkeiten. Wer sein Kind gerne öfter Kartoffeln essen sähe und weiss, dass Pommes gehen, überlegt sich, was am nächsten dran ist. Vielleicht Ofenkartoffeln. Immer nur eine Kleinigkeit anders, nicht der Sprung von den Pommes zum Kartoffelstock.

Wir kennen ein Beispiel von jemandem, dessen Kinder sehr gerne selbstgemachte Spätzli mochten. Die Mutter hat angefangen, etwas Rüebli in den Teig zu mischen, und plötzlich waren die Spätzli ein bisschen orange. Das fanden die Kinder sogar cool. Spätzli blieben Spätzli, auch in einer anderen Farbe. Bei anderen Kindern geht genau das nicht, sie riechen es sofort, und dann passt es nicht mehr.

Ein Tipp, der viel Frust spart: Probiere am liebsten Sachen aus, die du selber auch isst. Sonst stehst du am Schluss mit etwas da, das dein Kind nicht mag und du auch nicht, und dann musst du es entweder wegwerfen oder mit Widerwillen selbst essen.

Was tun, wenn ein Kind empfindlich auf Gerüche reagiert?

Der Geruch ist der Sinn, der sich am schlechtesten abschalten lässt, und deshalb wird er am Tisch schnell zum grössten Thema. Eine von uns kennt das noch von sich selbst als Kind: Wenn beim Znacht der Käse direkt vor ihr stand, konnte sie gar nichts mehr essen. Der Geruch hat alles überlagert und ihr wurde wirklich schlecht davon. Geholfen hat dann keine Erziehungsmassnahme, sondern eine Handbewegung. Der Käse kam ans andere Ende des Tisches, und dann ging es wieder.

Genau das ist die Frage, die sich bei Serenas Reiswaffeln stellt. Nicht «darf Dion bestimmen, was seine Schwester isst», sondern «wie schaffen wir Distanz». Die Packung muss nicht auf dem Tisch stehen. Serena bekommt eine Reiswaffel auf den Teller, der Rest kommt weg, und schon ist es nicht mehr der geballte Duft. Damit behält Serena ihr Znüni und Dion muss nichts aushalten, was er nicht aushalten kann.

Weitere Ideen, die wir kennen oder schon vorgeschlagen haben:

  • Ein separates Tischchen an einem anderen Ort im Wohnzimmer, an das sich das Kind setzen darf, wenn ihm die Gerüche zu stark werden. Nicht im eigenen Zimmer, also nicht als Ausschluss, sondern als Rückzugsort in Sichtweite.
  • Der Fensterplatz für das betroffene Kind, mit einem Fenster, das gekippt werden kann. Frische Luft wirkt wie ein Puffer zwischen Geruch und Kind.
  • Unterwegs den Platz wechseln, im Zug zum Beispiel, wenn gegenüber jemand etwas auspackt, das gar nicht geht.
  • Ein eigener, angenehmer Geruch zum Überdecken. Ein naturreines ätherisches Öl in einem Fläschchen zum Daranriechen, oder als hautverträgliche Mischung mit einem Roller aufs Handgelenk. Praktisch überall dort, wo sich der störende Geruch nicht wegräumen lässt, zum Beispiel im Kindergarten.
  • Etwas, das im ganzen Haus riecht, bewusst planen. Fisch draussen anbraten, so wie manche Leute die Fritteuse auf den Balkon stellen. Bei Erwachsenen finden wir das nachvollziehbar, bei Kindern seltsamerweise nicht.

Uns ist wichtig, dass das keine Extrawurst ist, sondern Rücksicht. Wir würden bei einer erwachsenen Person, der von einem Geruch schlecht wird, auch nicht diskutieren.

Was kann noch eine Rolle spielen, wenn ein Kind sich am Esstisch nicht wohlfühlt?

Manchmal liegt der Hebel gar nicht beim Essen selbst. Ist es am Tisch zu hell, zu laut, zu unruhig? Ein Kind, dessen Nervensystem schon von allem ringsum überfordert ist, isst weniger, auch wenn es eigentlich Hunger hätte. Manche spüren den Hunger in diesem Zustand gar nicht mehr richtig.

Bei neurologischer Vielfalt sind oft einzelne Kanäle schneller überreizt als andere. Bei einem Kind ist es das Hören, beim nächsten das Sehen, beim dritten das Riechen, beim vierten das Fühlen im Mund. Wenn du weisst, welcher Kanal bei deinem Kind der empfindliche ist, findest du auch schneller, was am Esstisch stört. Und wie immer gilt: Kennst du ein Kind, kennst du ein Kind.

Kind isst nicht im Kindergarten

Im Kindergarten hat Paula einen anderen Hebel als zu Hause, nämlich das Gespräch mit der Kindergartenlehrperson. Und zwar nicht nur Paula, das wäre genauso Tobias Thema, er dürfte sich da durchaus einbringen.

Die Znüni-Situation ist für viele Kinder anspruchsvoll. Alle packen gleichzeitig aus, es wird getauscht, es ist laut, alle sitzen eng auf Schemeli im Kreis, überall riecht es anders. Da bleibt für manche Kinder schlicht keine Kapazität übrig, um sich noch aufs Essen zu konzentrieren.

Was wir Paula mitgeben würden:

  • Jeden Tag dasselbe einpacken, zum Beispiel Apfelschnitze. Auch wenn sie wieder nach Hause kommen. Sicherheit entsteht durch Gleichbleibendes, nicht durch Abwechslung, und «oh, eine Überraschung» ist hier keine gute Idee.
  • Mit der Lehrperson schauen, was möglich ist. Ein anderer Ort, ein kleines Grüppchen statt der ganzen Runde, kurz in der Garderobe essen und dann rausgehen, oder ein Gspänli, mit dem er nicht allein ist.
  • Und ehrlich prüfen, ob es überhaupt ein Problem ist. Nicht alle Kinder fallen in ein Loch, wenn sie am Morgen nichts essen. Vielleicht kommt Dion einfach hungrig und etwas fertig nach Hause, und dann ist es halt so.

Vielleicht ist es auch schlicht eine Zeit, die er braucht, bis er sich an die neue Umgebung gewöhnt hat. Der Kindergarten ist frisch, und das ist eine ganze Menge auf einmal. Falls bei euch nicht nur das Essen, sondern der Kindergarten insgesamt schwierig ist, findest du mehr dazu in der Folge Mein Kind will nicht in die Schule oder den Kindergarten.

Neurologische Vielfalt und Herausforderungen beim Essen

Schätzungen gehen davon aus, dass etwa 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung neurodivergent sind. Das ist kein Randphänomen. Was ein neurodivergentes Kind grundsätzlich braucht, gilt auch am Esstisch, und dort zeigt es sich auf ein paar sehr spezifische Arten, die nichts mit dem Lebensmittel selbst zu tun haben.

1. Kein Interesse am Essen

Es gibt Kinder, für die Essen schlicht nicht spannend ist. Nicht, weil ein Lebensmittel schwierig wäre, sondern weil das Essen keinen Belohnungsreiz auslöst. Für die meisten von uns ist Essen angenehm, es macht Freude, das ist von Natur aus so eingebaut. Bei manchen Kindern fehlt genau das, und dann fühlt sich Essen an wie Zähneputzen, einfach dreimal am Tag und viel länger.

Was dann hilft, ist eher Struktur als Überzeugungsarbeit. Essen gehört zum Tag, so wie Zähneputzen dazugehört, und es gibt eine gemeinsam abgemachte Menge. Oder man macht die Situation angenehmer, zum Beispiel mit Kopfhörern und einem Hörbuch dazu, damit es eine Tätigkeit wird, die sich gut anfühlt.

2. Das Bedürfnis nach Gleichbleibendem

Manchmal liegt die Monotonie beim Essen gar nicht an den Lebensmitteln, sondern am Bedürfnis nach Gleichbleibendem. Dann kann es helfen, nicht am Teller anzusetzen, sondern am Ritual drumherum. Wenn immer dasselbe passiert, es läutet ein Glöckchen, alle kommen an den Tisch, dann kommt dies und dann das, ist so viel Struktur da, dass beim Essen selbst mehr Spielraum entsteht. Wenn dagegen jedes Mal alles anders läuft, bleibt manchen Kindern nur der Apfel, weil alles andere zu viel wäre.

3. Interozeption

Interozeption ist die Wahrnehmung der eigenen Körpersignale, also Hunger, Sättigung, Durst, aber auch Gefühle. Bei neurodivergenten Menschen funktioniert sie oft nicht gleich zuverlässig. Dann merkt ein Kind nicht, dass es Hunger hat, weil es im Spiel vertieft ist, und landet irgendwann unterzuckert im Zusammenbruch. Oder es merkt umgekehrt nicht, wann es satt ist.

Das ist auch die eine Stelle, an der das Buffet an seine Grenze kommt. Wenn ein Mensch beim Essen und Trinken kein Mass hat, wenn ein inneres «es muss leer sein» im Weg steht, dann räumen wir Dinge bewusst vom Tisch. Eine von uns arbeitet in einem Heim und kennt es von dort: Ist die Packung angebrochen, muss die Packung leer werden. Ist ein Liter Tee da, muss der Liter leer werden. Das spürt man als Begleitperson ziemlich deutlich, und dann ist Wegräumen keine Bevormundung, sondern Entlastung.

4. Medikamente

Wenn ein Kind wegen ADHS Stimulanzien nimmt, können diese den Appetit unterdrücken. Solange das Medikament wirkt, ist oft kein Mittagshunger da, und am Abend kommt er zurück. Manche Familien planen deshalb bewusst eine spätere Mahlzeit ein. Das heisst nicht, dass jemand dreimal am Abend kocht, sondern nur, dass etwas bereitsteht, wenn der Hunger dann kommt.

Wie viel kann ich meinem Kind zumuten oder muss ich ständig Rücksicht nehmen?

Es gibt einen Punkt, an dem wir aufmerksam werden, und Paula spürt ihn schon selbst: wenn sich die ganze Familie anzupassen beginnt. Rücksicht auf einen Geruch, ja. Aber wenn nichts mehr auf den Tisch darf, was das Kind nicht isst, wird der Rahmen für alle immer enger.

Wir sehen das als Balance und nicht als Entweder-oder. Auf der einen Seite gibt es Dinge, die für ein Kind wirklich nicht gehen, und da braucht es Entlastung. Auf der anderen Seite darf ein Kind auch erleben, dass die Familie weiterhin isst, was sie isst, und dass es dabei sein kann, ohne alles mitessen zu müssen. Beides gleichzeitig, nicht nacheinander.

Diese Balance zwischen Entlasten und Spielraum lassen ist nicht nur beim Essen ein Thema. Sie begleitet fast alles, wenn Kinder neurodivergent sind, und übrigens auch, wenn die Eltern es sind. Was oft zusammenfällt.

Wichtig dabei: Es ist immer Ausprobieren. Es gibt nicht die eine richtige Lösung, die du beim ersten Mal findest. Vielleicht stellst du etwas weiter weg, und das Kind fällt trotzdem durch und isst an dem Abend gar nichts mehr. Dann ist es halt so. Wegen einem Abend ohne Nachtessen verhungert niemand, und am nächsten Tag isst es wieder etwas.

Was wir oft sehen: Eltern gehen wie auf Eierschalen ums Kind herum, damit es ja keinen Ausbruch gibt und ja etwas isst. Verständlich, gerade wenn das Kind ohnehin dünn ist. Nur wird der Spielraum dadurch mit jeder Woche kleiner. Deshalb lieber gut dosiert ausprobieren, nicht alles gleichzeitig, eine Zeitspanne festlegen und danach schauen, wie es gelaufen ist. Und die Gefühle, die dabei hochkommen, mitbegleiten. Wenn du gerade in einem Bereich etwas veränderst, darfst du an anderer Stelle bewusst lockerer werden, damit du die Kraft dafür hast.

Wenn andere dreinreden

Paula hört von den Schwiegereltern, das gehe so nicht weiter. Dazu gibt es bei uns eine eigene Folge, Wenn andere alles besser wissen, deshalb hier nur das, was uns am wichtigsten ist:

Stehe ich hinter meinem Kind, oder will ich meinen Schwiegereltern gefallen?

Das können übrigens auch die eigenen Eltern sein. Viele von uns machen einiges anders als die eigenen Eltern, nicht weil die es schlecht gemacht hätten, sondern weil es eine andere Zeit ist, wir einen anderen Wissensstand haben und andere Menschen sind. Dass die eigenen Eltern das nicht immer toll finden, ist nachvollziehbar. Sie hatten ja Gründe, es so zu machen, wie sie es gemacht haben.

Es entlastet ungemein, sich das ab und zu bewusst zu sagen: Ich muss nicht gefallen. Sie dürfen anderer Meinung sein. Sie dürfen es sogar schlecht finden.

Gleichzeitig darf man sich schon kritisch hinterfragen. Macht das wirklich Sinn, was ich mache? Bin ich auf einem guten Weg? Das ist Qualität und nicht Schwäche. Der Unterschied liegt darin, was danach passiert. Wer wirklich reflektiert und dann zu einem klaren Entschluss kommt, steht anders da als jemand, der einfach genervt ist, dass jemand dreingeredet hat, und mit dem Ärger dann herumhängt. Nach einem klaren Entschluss brauchst du dich nicht mehr zu erklären und dir keine Autorität zu verschaffen. Und dann wirst du in der Regel auch eher gehört.

Fazit: Picky Eaters – Was hilft wirklich, damit das Kind besser isst?

Wenn wir alles auf einen Satz eindampfen müssten: Den Druck rausnehmen. Das ist das Wichtigste, und es ist gleichzeitig das, was am schwersten fällt, weil hinter dem Druck fast immer eine Angst steht.

Deshalb gehört der zweite Teil unbedingt dazu: dich selbst ernst nehmen. Wenn bei jedem Essen in dir eine Angst aktiviert wird und du bei jedem Essen wieder damit umgehen musst, ist das enorm anstrengend. Dann lohnt sich der Blick nach innen. Was für eine Angst ist das genau? Was brauchst du, damit du sie aushalten kannst, ohne über die Angst in den Konflikt mit deinem Kind zu geraten? Manchmal ist es eine Abklärung. Manchmal Sicherheit. Manchmal einfach jemand, der dich in dieser Angst sieht.

Und wenn du merkst, dass du unsicher bist und nicht weisst, wie weiter: Hol dir Unterstützung. Das kann eine Kinderärztin sein, eine Ernährungsberatung, eine Psychologin oder ein Psychiater mit Erfahrung in diesem Bereich, oder eben eine Beratung bei uns. Nicht, weil du es allein nicht schaffen würdest, sondern weil du diese starken Schultern nicht allein entwickeln musst.

Wir haben es beide schon oft erlebt, dass sich etwas löst, wenn der Druck weg ist. Eine Mutter, der jemand Mut gemacht hat, sie solle es einfach so lassen und immer wieder anbieten, hat genau das getan. Und irgendwann hat das Immer-wieder-Anbieten angefangen zu fruchten, das Spektrum ihres Kindes wurde grösser. Manchmal öffnet auch der Kontakt zu anderen Kindern etwas, wenn plötzlich alle Gleichaltrigen dieses und jenes essen. Oder die kleine Schwester, die etwas isst, das auf einmal interessant wirkt.

Wie ist das bei euch am Tisch gerade? Wenn du magst, schreib uns, wir lesen alles.

Wer wir sind

Wir sind Goni und Céline, Mentorin und individualpsychologischer Coach für eine starke und ausgeglichene Elternschaft, beide Mütter von je zwei Kindern. In unserem Podcast Herausforderung bedürfnisstark sprechen wir über den Alltag mit sensiblen, gefühlsstarken, wilden und neurodivergenten Kindern, auf Schweizerdeutsch und ohne Patentrezepte.

Goni Boller begleitet Eltern dabei, ihr neurodivergentes Kind besser zu verstehen, lösungsorientiert gemeinsame Wege zu finden und dabei die eigenen Prägungen und Trigger anzuschauen. Mehr über ihre Arbeit auf goniboller.ch, erreichbar unter hallo@goniboller.ch.

Céline Schaub begleitet als individualpsychologische Beraterin Mütter gefühlsstarker und hochsensibler Kinder und Prozessbegleiterin für Frauen & Mütter. Mehr über ihre Arbeit auf celineschaub.ch, erreichbar unter post@celineschaub.ch.

Häufige Fragen

Ab wann ist wählerisches Essen nicht mehr normal?

Wählerisches Essen ist zwischen zwei und sechs Jahren eine sehr verbreitete Phase, die bei den meisten Kindern von selbst wieder zurückgeht. Aufmerksam werden solltest du, wenn dein Kind nicht mehr normal wächst oder zunimmt, wenn die Liste der möglichen Lebensmittel immer kürzer wird statt länger, wenn es feste Nahrung ganz verweigert oder wenn Ängste rund ums Essen dazukommen. Dann gehört das ärztlich abgeklärt.

Was ist ein Picky Eater

Als Picky Eater werden Kinder bezeichnet, die nur eine kleine Auswahl an Lebensmitteln essen und Neues oft nicht einmal probieren mögen. Der Begriff ist keine Diagnose, sondern eine Beschreibung, im Deutschen sagt man auch selektive Esserin oder wählerischer Esser. Bei vielen Kindern ist das eine Phase zwischen zwei und sechs Jahren, die von selbst wieder zurückgeht. Bei sensiblen und neurodivergenten Kindern steckt häufiger eine sensorische Ursache dahinter, also die Konsistenz, der Geruch, die Temperatur oder das Aussehen des Essens.

Was kann ich machen, wenn mein Kind nur wenige Lebensmittel isst?

Der erste und wichtigste Schritt ist, den Druck herauszunehmen. Überreden, Probierregeln und Belohnungen führen bei diesen Kindern meistens in den Machtkampf und verkleinern die Auswahl eher, als dass sie sie vergrössern. Danach hilft das Buffet-Prinzip: Die Eltern entscheiden das Angebot, das Kind entscheidet, was davon und wie viel. Die sicheren Lebensmittel bleiben jeden Tag verfügbar, und Neues steht ohne Erwartung immer wieder daneben, damit es vertraut werden kann. Wenn dein Kind nicht mehr wächst, deutlich abnimmt oder Ängste rund ums Essen entwickelt, gehört das ärztlich abgeklärt.

Soll ich mein Kind zum Probieren auffordern?

Wir würden es lassen, jedenfalls bei bedürfnisstarken und neurodivergenten Kindern. Regeln wie «bei jeder Mahlzeit ein Bissen» funktionieren bei manchen Kindern gut, bei diesen Kindern führen sie meist direkt in den Machtkampf. Wirksamer ist, das Lebensmittel immer wieder anzubieten und dem Kind selbst zu überlassen, ob es probiert.

Wie viele Lebensmittel sind zu wenig?

Eine feste Zahl gibt es nicht, weil es auf die Zusammensetzung ankommt. Ein Kind mit sieben Lebensmitteln, die Getreide, Gemüse, Obst und Protein abdecken, kann gut versorgt sein. Entscheidend ist eher die Richtung: Kommt über die Zeit etwas dazu, oder fällt immer mehr weg? Bei Unsicherheit gibt ein Blutbild beim Kinderarzt Klarheit und meistens auch Entlastung.

Darf ich Gemüse heimlich untermischen?

Nicht heimlich, es geht darum Sicherheit entstehen zu lassen und auszudehnen, damit das Kind mehr probiert. Wenn es das Gefühl hat, dass es ausgetrickst wird, führt das zum Gegenteil. Was du ausprobieren kannst, ist Gemüse reinzumischen und vielleicht findet das Kind es sogar cool, wenn die Spätzli plötzlich orange oder grün sind. Vielleicht aber auch nicht, das ist auch ok.

Was ist ARFID?

ARFID steht für Avoidant Restrictive Food Intake Disorder, auf Deutsch vermeidend-restriktive Essstörung. Betroffene essen so wenig, dass es körperliche Folgen hat, bis hin zu Untergewicht, Nährstoffmangel oder der Notwendigkeit einer Magensonde. Häufig sind ausgeprägte Ängste im Spiel, etwa vor Erbrechen oder vor dem Verschlucken. Für die allermeisten wählerischen Esser ist ARFID nicht die Erklärung.